Noch einmal das Thema, noch ausführlicher, weil mir verstärkt Hundebesitzer begegnen, die die stressbedingten Signale von Hunden nicht deuten können – auch nicht ihrer eigenen. Vor allem in Turniersituationen, auf Ausstellungen, bei Tierschutzhunden oder in stark frequentierten Hundeausläufen sehe ich Hunde, die massive Stresssymptome aufzeigen, was ihre Besitzer als „glückliches Erschöpftsein“ oder wildes Spiel misinterpretieren.
In Mehrhundehaushalten habe ich in letzter Zeit häufig gesehen, dass von der Familie unbemerkt direkt unter ihren Augen massive Machtspiele und offene Revolutionen stattfinden, und die ganzen Rennspiele oder vorgeblichen Aufmerksamkeitseinforderungen nichts anderes waren, als Ausdruck von Aggression gegen den anderen Hund.
Mich macht das ganz unglücklich, denn es erschwert das Zusammenleben und -treffen so sehr: Einem aufgeregten Hund wird Aggression unterstellt, anstatt ihm einfach etwas mehr Raum zu schenken, damit er sich nicht so fürchterlich gegen einen anderen Hund mit Gebrüll „wehren“ muss, beim Spielen wird übersehen, dass ein Hund in der Gruppe längst gemobbt wird. Bei der Erziehung wird der Hund angeschnauzt, weil der Halter völlig übersieht, dass der Hund vor lauter Stress gar nicht mehr in der Lage ist, sich zu konzentrieren, denn sein Adrenalin ist so hoch, dass der Körper sich auf Flucht oder Angriff vorbereitet und „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ oder Ähnliches gar nicht mehr möglich ist.
Was also bedeutet Stress für einen Hund?
Um Hunde und deren Verhalten besser verstehen und einordnen zu können, ist es wichtig zu verstehen, was Stress bei unseren Hunden auslösen kann – und nicht zuletzt: Was Stress eigentlich ist. Der Begriff „Stress“ wurde von dem Arzt Dr. Hans Selye eingeführt, der Stress als eine Aktivierungsreaktion des Körpers definierte. Er unterschied zwischen positivem und negativem Stress – „positiver Stress“ ist für Hunde z.B. die Jagd, die zwar extrem anstrengend sein kann, aber Glückshormone freisetzt und deshalb vom Hund positiv empfunden wird.
Um es einfach zu sagen: Alles, was einen Hund physisch oder psychisch überfordert, bedeutet für ihn Stress. Wie beim Menschen ist das von Hund zu Hund unterschiedlich: Es gibt Hunde, die völlig überfordert sind, wenn es in der Nachbargemeinde gewittert, während andere es für eine angenehme Brise halten, wenn es um sie herum blitzt und donnert und schon der Sonnenschirm durch den Garten fliegt.
Für einen Hund bedeutet es physischen Stress, wenn seine Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden: Wer zu lange Durst aushalten muss, wird körperlich überfordert, wer dringend aufs Klo muss, ohne dass ihn jemand nach draußen lässt, hat Stress, Hunger haben und nicht gefüttert werden bedeutet Stress (nicht zu verwechseln mit den Hunden, die dem Besitzer mentalen Stress machen, weil sie sich partout nicht daran erinnern können, dass sie gerade vor zwanzig Minuten gefüttert worden sind).
Ob Stress positiv oder negativ für den Organismus ist, hängt davon ab, ob
- die Stressfaktoren als gut oder schlecht empfunden werden
- der Hund sich der Situation gewachsen fühlt (Hundesport, Deckakt, Familienfest)
- er sich freiwillig in die Situation begeben hat
- wie lange der Stressfaktor anhält (auch ein anfänglich positiver Stress kann in negativen Stress umkippen, wenn die Situation zu lange anhält)
Negativer Stress entsteht dann, wenn ein Lebewesen von einer Situation überfordert ist, d.h. also nicht mehr weiß, wie es reagieren soll, um der Situation Herr zu bleiben. Je nach Intensität der negativen Stressfaktoren reagiert der Hund mit:
- Flucht
- Angriff
- Blödsinn machen
- Erstarren
- Jagdreflex
- Bewachungsverhalten
- Paarungsverhalten

In Stresssituationen schüttet der Körper vermehrt die Hormone Adrenalin und Cortisol aus. Die Freisetzung von Adrenalin ermöglicht dem Körper, schnell an Energiereserven heranzukommen, um schnell fliehen oder auch kämpfen zu können. Bei der einsetzenden „Kampf oder Flucht“-Situation wappnet sich der Körper gegen eine drohende Gefahr und wird in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Adrenalin aktiviert den Kreislauf, der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller und die Muskeln werden besser durchblutet. Die Verdauung verlangsamt sich, da vermehrt Blut in die Muskeln geleitet wird und der Blutzucker steigt, weil vermehrt Energie bereit gestellt wird.
Der Körper benötigt viel Cortisol, um mit dem Stress fertig zu werden und schraubt die Produktion weiter hoch: Die exzessive Ausschüttung von Cortisol signalisiert dem Körper, dass er sich in großer Gefahr befindet. Bekommt der Hund keine „Entwarnung“, indem die stressige Situation geändert oder verlassen werden kann, dann können die Stress-Hormone nicht abgebaut werden, und die körperliche Anspannung bleibt erhalten. Das sind optimale Voraussetzungen für einen drohenden Kampf oder eine Flucht – aber ganz schlecht, wenn der Hund etwas lernen soll.
Negative Stressoren
Negative Stressoren können sein:
- Grundbedürfnisse werden nicht befriedigt (Hunger, Durst, Schlafmangel, Isolation, kein Tageslicht, Bewegungsmangel)
- Fehlende oder falsche Führung des Hundes (der Hund muss „alles selbst“ machen)
- Schmerzen
- Bedrohung
- Druck
- Starkzwang (TeleTak, Peitsche)
- Krankheiten
- Nicht verstanden werden
- Stressiges, unausgeglichenes Umfeld
- Angstauslösende Reize
- Besitzerwechsel/Wohnortwechsel
- Verlust des Sozialpartners
- Plötzliche Veränderungen
- Zu langes, zu häufiges Alleinsein
- Nebenwirkungen von belastenden Medikamenten
Positive Stressoren
Positive Stressoren können sein:
- Zuviel des Guten
- Zuviel Bewegung
- Zuviel Spiel mit anderen Hunden
- Beutespiele / Jagdspiele
- Ständige Höchstleistung
- Zuviel Aufmerksamkeit
- Zuviel Aufregung
- Zuviele freudige Erlebnisse hintereinander
- Ständiges Kommen und Gehen von Besuchern im Haushalt
Stressfaktoren, die nicht von außen beeinflussbar sind
- Starker Hormonschub bei Rüden in der Pubertät
- Trächtigkeit
- Läufigkeit
- Störungen im Hormonhaushalt (z.B. Schilddrüsenprobleme)
Selbst wenn der Stress-Auslöser vorbei ist, dauert die Adrenalin-Produktion noch mindestens weitere zehn, fünfzehn Minuten an, bevor sie sich langsam einstellt (das ist der Moment, in dem z.B. Menschen dann gewöhnlich die Knie weich werden, wir wütend werden oder aufs Klo müssen). Adrenalin verstärkt alle Instinkthandlungen.
Hat der Hund mehr Adrenalin, wird je nach Anlage des Hundes der Jagdtrieb verstärkt, das Wachverhalten eines Herdenschutzhundes; ein hypersexueller Rüde in der Pubertät kann „auf“ Adrenalin noch überaktiver werden; ein unsicherer Hund kann aufgrund einer hohen Adrenalinproduktion in Panik verfallen. Lässt der Stress nach, sinkt der Adrenalinlevel, aus der Panik wird Unsicherheit, und man kann wieder trainieren.
Hat der Hund dagegen chronischen Stress (Angsthunde, Hunde in Auffanglagern, Hunde mit unberechenbaren, gewalttätigen Besitzern, manche Hunde im Turniersport), ist der Adrenalin- und Cortisollevel chronisch übermäßig erhöht. Diese Hunde können die gleichen Symptome zeigen wie ein Hund, der aus medizinischen Gründen Kortison bekommt: Er bekommt starken Durst oder großen Appetit, oder sein Immunsystem schwächelt.
Stresshormone können die Magensäfte verringern oder erhöhen. Viele Hunde können deshalb bei akutem Stress keine Leckerchen annehmen (Sie kennen das, wenn Stress einem „auf den Magen schlägt“). Andere essen extrem viel, andere bekommen aufgrund einer Überproduktion der Magensäfte postwendend Durchfall). Hunde, die über längeren Zeitraum Stress erleben, werden zickiger und überreagieren häufig.
Anzeichen für Stress
- Starkes Hecheln / Luftanhalten
- Zittern
- Angespannte Muskulatur
- Unruhe
- Jammern/Fiepen/Winseln
- Erhöhte Reizbarkeit
- Zerkauen/Zerstören von Gegenständen
- Speicheln
- Aufblasen der Backen
- Rute eingeklemmt/steif
- Dauer-Wedeln
- Geduckte Körperhaltung
- Ohren eingeklappt/zurückgezogen
- Verweigern von Keksen
- Unkonzentriertheit
- Schlecken über die Nase
- Wegsehen
- Verdauungsprobleme/Durchfall/Erbrechen
- Stereotypien wie Rute fangen, im Kreis drehen
- Innerliche und äußerliche Unruhe
- Nicht mehr ansprechbar sein
- Konzentrationsmangel
- Überreaktionen auf beiläufige Ereignisse
- Erhöhte Aggressionsbereitschaft
- Starke Aufregung
- Mobbing
- Hypersexualität
- Körper- und/oder Mundgeruch
- Fellveränderungen, Schuppen, stumpfes oder fettiges Fell
- Allergien und andere Hautprobleme
- Häufigeres Urinieren als gewöhnlich
- Übersprungverhalten
- Appetitlosigkeit
- Übertriebene Körperpflege
- Häufiges Erkranken (z.B. Infektionen)
- Erhöhte Verteidigungsbereitschaft
- Fixierung auf Dinge (Stofftiere, Schuhe des Herrchens oder Frau
